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Institute an der DEA: Neues Antidepressivum bald auch in Deutschland verfügbar

von Prof. Dr. Hans-Jürgen Möller, IEP

Von vielen Seiten wird beklagt, dass die Entwicklung neuer Psychopharmaka in den letzten Jahren kaum vorangekommen ist. Das hat viele Hintergründe, die hier nur ansatzweise dargestellt werden können. Ein wichtiger Punkt ist sicherlich, dass weiterhin für viele psychische Erkrankungen, trotz intensiver neurowissenschaftlicher Forschung, die Pathogenese nur unzureichend geklärt ist bzw. dass selbst bei gut aufgeklärter Pathogenese (wie z.B. im Fall der Alzheimer Demenz) die darauf basierenden Interventionen nicht so wirksam sind wie erwartet. Möglicherweise werden zu reduktionistische psychopharmakologische Therapie-Ansätze dem komplexen Krankheitsgeschehen nicht gerecht.

Insbesondere die innovativen Therapie-Ansätze, die pharmakologische Mechanismen jenseits der traditionellen Pfade erproben wollen, sind, wie die Erfahrung zeigt, aus diesen Gründen sehr risikobelastet, und das bei immer stärker wachsenden Entwicklungsausgaben. Aber auch die Weiterentwicklung auf Basis traditioneller Wirkmechanismus-Hypothesen, die durchaus zu innovativen Verbesserungen führen, wie das unten dargestellte Vortioxetin zeigt, führt bei weitem nicht immer zum erwünschten Erfolg.

Wenn dann wirklich ein Medikament erfolgreich entwickelt werden konnte und die Zulassung erreicht hat, stehen in vielen Ländern, so in Deutschland mit dem AMNOG-Verfahren, weitere Hürden bevor, die den sog. “Zusatz-Nutzen“ gegenüber den in Verwendung befindlichen Standard-Medikamenten für die gleiche Indikation in Frage stellen und damit eine für die pharmazeutische Industrie unter Re-Investment-Aspekten günstige Preisgestaltung beeinträchtigen. Die schwierige Gesamtlage hat mehrere große pharmazeutische Unternehmen veranlasst, das Feld der Psychopharmaka–Entwicklung zu verlassen.

Beim diesjährigen Kongress der APA (American Psychiatric Association) in New York wurde ein neues Antidepressivum vorgestellt, das bereits in den USA eingeführt ist und inzwischen auch die Zulassung der Europäischen Arzneizulassungsbehörde (EMA) hat. Derzeit wird es in Deutschland im Rahmen des AMNOG-Verfahrens auf seinen“ Zusatz-Nutzen“ und damit hinsichtlich der Preisgestaltung analysiert. Es handelt sich um das Antidepressivum Vortioxetin der Firma Lundbeck. Vortioxetin bewegt sich pharmakologisch in der Tradition der Serotonin-Hypothese. Im Gegensatz zu den selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRIs) ist die Intervention im serotonergen System vielfältiger und intensiver in dem Sinne, dass gleichzeitig mehrere Serotoninrezeptoren beeinflusst werden, was sowohl hinsichtlich der Wirksamkeit als auch der Verträglichkeit von Bedeutung ist. Neben der inhibitorischen Wirkung auf den Serotonin-Transporter wirkt Vortioxetin agonistisch auf den 5-HT1A Rezeptor und partial-agonistisch auf den 5-HT1B Rezeptor, was zur Wirkungsverstärkung im serotonergen System und damit hypothetisch zur schnelleren/besseren antidepressiven Wirksamkeit beiträgt. Obendrein ist Vortioxetin Antagonist am 5-HT 3 Rezeptor, am 5-HT 1D Rezeptor und am 5-HT 7 Rezeptor. Die Blockade des 5-HT 3 Rezeptors reduziert die Nebenwirkung Übelkeit. Obendrein hat diese wie auch die anderen Rezeptor-Interaktionen möglicherweise auch noch andere Effekte, die derzeit noch nicht ausreichend untersucht und verstanden werden. In der von den verschiedenen internationalen psychopharmakologischen Fachgesellschaften (u.a. CINP, ECNP, AsCNP) neuentwickelten Nomenklatur der Psychopharmaka wird Vortioxetin als multimodales serotonerges Antidepressivum klassifiziert. Sekundär kommt es, wie Mikroanalyse-Untersuchungen zeigen, zu Veränderungen in anderen Transmitter-Systemen, so z.B. zu einem Anstieg von Noradrenalin und Dopamin im ventralen Hippokampus und präfrontalen Cortex.

In den randomisierten, doppelblinden, Placebo-kontrollierten Untersuchungen zeigt Vortioxetin eine gute antidepressive Wirksamkeit mit z.T. in den nicht-US-amerikanischen Studien höhere Placebo-Verum-Differenzen, als von anderen Antidepressiva bekannt ist (Tab.1).

Tab. 1:Auflistung der Vortioxetin-Studien mit positivem (d.h. statistisch signifikante Differenzierung von Vortioxetin gegen Placebo) Ausgang

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Erste Ergebnisse, dass Vortioxetin eine bessere Wirksamkeit auf kognitive Störungen im Rahmen der Depression hat, konnten inzwischen durch speziell auf kognitive Störungen fokussierende Studien bestätigt werden. Hinsichtlich der Nebenwirkungen ist besonders Nausea erwähnenswert, eine für ein Antidepressivum mit serotonergem Wirkmechanismus zu erwartende Nebenwirkung. Andere serotonerge Nebenwirkungen sind vergleichsweise gering. Der starke „serotonerge push“ von Vortioxetin, der die gute Wirksamkeit erklärt, kann offenbar hinsichtlich der Nebenwirkung Nausea nicht völlig durch den 5-HT 3 Rezeptor-Antagonismus abgeblockt werden.

Zusammengefasst ein interessantes neues Antidepressivum mit starker antidepressiver Wirksamkeit und einem speziellen Fokus auf kognitive Störungen im Rahmen der Depression, das hoffentlich auch bald in Deutschland verfügbar ist.


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